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Heute fand um 11 Uhr die Gedenkfeier in der Duisburger Salvatorkirche statt und weit weniger Menschen als erwartet nahmen daran Teil. Im Vorfeld kursierten Teilnehmerzahlen von 10.000 bis 100.000 Menschen, aber im Duisburger Stadion kamen nicht mehr als 2.000 Menschen und selbst in de Kirche waren noch Plätze frei. Raveline war vor Ort, um euch von unseren Eindrücken in Wort und Bild zu berichten. In den nächsten Tagen wird es darüber hinaus auch einen Bericht über die Trauerfeier und -marsch geben. Lest nun den Bericht von Redakteur Benedikt Schmidt über die die Gedenkveranstaltung in der Salvatorkirche: Gedenkgottesdienst in Duisburg: „Die Loveparade wurde zum Totentanz“ Der Zug nähert sich erneut dem Duisburger Hauptbahnhof. Fährt wieder vorbei an der Paradestrecke. Einen Tag vor der Loveparade, hatten dort noch die prunkvollen Floats gestanden. Menschenleer wartend auf das große Fest. Die Umrisse gespenstisch in den Nachthimmel ragend. „Hoffentlich passiert morgen nichts…“, hatte der Taxifahrer noch gesagt. Und wohl jeder hätte sich gewünscht, dass wirklich nichts passiert wäre, außer einer tollen Parade mit viel Spaß und guter Musik. Doch eine Woche später ist nichts mehr, wie es mal war. Die Loveparade hat 21 Tote und über 500 Verletzte gefordert. Am Unglücksort, dem Tunnel, sind nun schon seit Tagen Kerzen und Trauerbekundungen aufgestellt. Im Internet, in den Social Communities wurden unzählige Gruppen zum Thema gegründet, Threads eröffnet, Kommentare verfasst. Die Fassungslosigkeit ist auch nach einer Woche groß. Denn die Bilder der verzweifelten Menschenmenge während der Massenpanik bekommt man ebensowenig mehr aus dem Kopf, wie die der versteinerten Gesichter auf der Pressekonferenz am Tag nach der Parade. Die Technobewegung und ihr vermeintliches Aushängeschild die Loveparade sind plötzlich wieder Thema in den Medien, doch diesmal geht es nicht um Drogenkonsum und nackte Haut. Das Entsetzen darüber, dass da junge Menschen, die einfach nur Spaß haben wollten, so plötzlich ums Leben kamen, lässt alles andere vergessen. Die Polizeipräsenz in Duisburg ist erwartungsgemäß hoch an diesem Samstagmorgen. Doch die Straßen der Stadt wirken merkwürdig leer, was nicht nur an einigen Sperrungen zu liegen scheint. Hauptsächlich sind Polizisten, Ordnungskräfte und Journalisten unterwegs. Ein bizarres Gefühl von Endzeitstimmung stellt sich ein. Am Hauptbahnhof stehen ganze Reihen von Helfern in orangenen Westen. Doch so richtig Bescheid scheinen die wenigsten zu wissen. „Salvatorkirche?“ Auf meine Frage nach dem Bus dorthin herrscht erst einmal Ratslosigkeit. Shuttlebusse sieht man um viertel nach 9 am Morgen erst einmal nicht. Man rät, mit der U-Bahn bis zum Rathaus zu fahren. Das sei schneller als ein Bus, oder Taxi und in nächster Nähe. Vor der Kirche sind überall Kamerateams, Journalisten, Polizisten, Ordner. Neben der Treppe, dort wo die Besucher des Ökumenischen Gedenkgottesdienstes vorbeikommen müssen, hat sich ein Spalier aus Fernsehsendern und Fotografen gebildet. Auf den Balkonen der Häuser gegenüber hocken weitere. Als nach und nach Bundespräsident Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Guido Westerwelle, oder auch Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von NRW eintreffen, ertönt ein hektischer Chor von Klickgeräuschen. Ansonsten fällt kein Wort. Malteser gehen vorbei, Ersthelfer, Notfallseelsorger. Ebenso Polizisten. Menschen, die beim Unglück vor Ort waren, Hilfe leisteten. Man braucht nur in die Gesichter zu schauen, um die Furchtbarkeit des Erlebten zu begreifen. Journalistisch gesehen sollte man objektiv bleiben. Technojournalistisch fällt das in diesem Fall sehr schwer. Das wird sich auch die nächsten Stunden nicht ändern. Beklemmende Momente. Noch mehr Schweigen. Schwer läuten die Totenglocken überall in der Stadt. Drinnen in der Kirche. Man blickt auf Merkel, Wulf, Westerwelle und weitere, die in der ersten Bankreihe sitzen. Die Kanzlerin schaut sehr erschöpft aus. Der Oberbürgermeister von Duisburg ist der Veranstaltung ferngeblieben. Um nicht zu provozieren, wie er sagt. Ein Bildschirm in der Journalistenecke zeigt gleichzeitig die Fernsehübertragung. Man hätte nach einer solchen bundesweiten Anteilnahme am Unglück erwartet, dass das Gotteshaus bis auf den letzten Platz gefüllt ist, doch dem ist nicht so. Hauptsächlich sind Angehörige der Todesopfer, Rettungsdienste, Polizeiabordnungen und Amt- und Würdenträger versammelt. Die ernste, erwachsene Öffentlichkeit der Nation. DJs, Veranstalter, Raver wird man erst später am Tag beim Trauermasch erblicken. Auf der Nature One wird am selben Nachmittag ebenfalls den Loveparade Opfern gedacht. Anderswo feiert man einfach in den Clubs weiter, vielleicht auch um zu vergessen. Aber es geht bei diesem Gedenkgottesdienst sicherlich vor allem darum, besonders den Familien der Opfer Trost zu spenden in ihrem unermesslichen Leid. Dazu tragen die kirchlichen Rituale, Gebete und Lieder wie „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ seit jeher hierzulande bei. Der Gottesdienst wird zeitgleich in verschiedene evangelische Kirchen der Stadt übertragen. Vorsorglich hat man auch im MSV-Stadion Großbildleinwände aufgebaut. Doch dort haben sich nur etwa 1500 Menschen statt erwarteter 100.000 eingefunden. Es scheint, als scheuen die Massen die Stadt Duisburg fortan. Nach einer solchen, weitreichenden Anteilnahme mag man kaum glauben, dass plötzlich alle wieder gleichzeitig zum Alltag übergangen sein könnten oder dass Deutschland mehr zu stiller Anteilnahme neigt. In der Mitte des Stadions ist ein Kreuz aufgebaut. In der Savatorkirche zündet man 21 Kerzen als Symbol für die Toten der Loveparade an. Der Gedenkgottesdienst wird von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, Präses Nikolaus Schneider und Pfarrer Martin Winterberg gehalten. Ihnen, wie auch Ministerpräsidentin Kraft, gelingt es, die passenden Worte für das Geschehene zu finden, so tief der Schock bei allen noch immer sitzt. So erklärt Präses Schneider absolut treffend: „Die Loveparade entwickelte sich in den 90ern zusammen mit der, ich nenne sie mal, `Techno Bewegung´. Genauer gesagt war die Loveparade ein Ausdruck dieser Bewegung. Eine Bewegung die sich völlig autark aus dem Untergrund entwickelte. Unabhängig von jeglichem Profit- oder Image-Denken, geboren aus dem Wunsch gemeinsam zu feiern, zu tanzen und Spaß zu haben.
Mit der Zeit stiegen die Besucherzahlen und somit auch die finanziellen Ansprüche. Abgesehen davon, dass die Kosten stiegen (Stadtreinigung, etc.), stieg natürlich auch der Profit (für die Gemeinde und andere Beteiligte), und ein gewisses Image mit dem sich Firmen aufwerten konnten, war inzwischen auch zu verteilen. Eigentlich eine logische Konsequenz und rückblickend vielleicht auch leicht zu erkennen, dass irgendwann eine solche Veranstaltung in die Hände von Menschen fällt, die `gemeinsames Feiern, Tanzen und Spaß haben´ nicht als ersten Grund aufweisen können, für den eine Love Parade veranstaltet werden sollte.
Dass es nun soweit kam, dass in Duisburg die Verantwortlichen im blinden Streben nach Image und Gewinn diese `Techno Bewegung´ missbrauchten und durch die Ausschaltung jeglicher Kontrollinstanzen und Sicherheitsmaßnahmen es zuließen, dass Menschen, die nur gemeinsam feiern, tanzen und Spaß haben wollten, in eine Situation geraten konnten, in der 21 Unschuldige sterben mussten, Unzählige nun verletzt und traumatisiert sind, ist absolut erschreckend und schockierend.“ Bischof Overbeck sagt unter anderem in seiner Predigt: „So gegensätzlich ist unser Leben: In dem einen Moment ist Party angesagt und im anderen Moment liegen wir hilflos am Boden. Wir möchten das Leben gerne sicher steuern und haben es doch nicht im Griff. Trotz unserer Hoffnungen sind wir dem Schicksal oft hilflos ausgeliefert – gleich woher wir stammen, gleich wohin wir unterwegs sind, ob wir gläubig sind oder nicht, ob wir Suchende sind oder schon gefunden haben.“ Nach Abschluss des kirchlichen Teils trat Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, nach vorne. Sichtlich ergriffen hielt sie eine kurze aber eindringliche Rede, die ehrlicher und aufrichtiger kaum sein konnte. Darin hieß es u.a.: „Es ist schwer, Worte zu finden angesichts des Todes. Und noch schwerer ist es, angesichts der Umstände unter denen 21 junge Menschen plötzlich aus dem Leben gerissen wurden: Aus ihren Hoffnungen und Träumen, aus ihren Zukunftsplänen, mitten aus ihren Familien und Freundeskreisen. Sie alle hatten ihre ganze Zukunft noch vor sich. Sie wollten fröhlich und friedlich feiern, zusammen mit vielen anderen. Einige Stunden den Alltag vergessen. Gemeinsamkeit erleben. (…) Uns alle lässt das Geschehene nicht los. Es macht uns betroffen, hilflos und manche auch wütend. Viele Fragen, noch zu wenige Antworten. Jede Katastrophe erschüttert uns und lässt uns die Frage nach dem „Warum“ stellen. Für diese Katastrophe gilt das in besonderer Weise. 21 Menschen sind ums Leben gekommen. Junge Frauen und Männer aus Deutschland, aus vielen Ländern Europas und der ganzen Welt, aus Australien, Bosnien-Herzegowina, China, Italien, den Niederlanden und aus Spanien. Mehr als fünfhundert Verletzte mussten – und einige müssen immer noch – in den Krankenhäusern versorgt werden. Und dann gibt es die vielen Tausend, die dabei waren, die überlebt haben. Viele von ihnen empfinden Ohnmacht, weil sie nicht haben helfen können. Viele sind traumatisiert angesichts des Erlebten und viele sind entsetzt angesichts der Bilder, die sie für immer in sich tragen. Die seelisch Verwundeten leiden still, aber sie leiden und brauchen Hilfe. Auch an sie denken wir in dieser Stunde.“ Irgendwann nach 12 Uhr ist der Gedenkgottesdienst schließlich vorbei. Ergriffen stehen alle auf. Den Angehörigen der Verstorbenen werden zum Trost die Hände gereicht. Tröstende Worte. Anteilnahme. Das Spalier der Kameras steht draußen immer noch bereit. Fernsehteams berichten live und machen Interviews vor Ort. Doch auch die Stadt selbst erwacht langsam, die Straßen beleben sich. Neugierige schauen dem Medientreiben und dem Polizeiaufgebot zu. Es sind noch einige Stunden bis zum Trauermarsch. Quelle: www.raveline.de |